Bamberger Reiter

Der Bamberger Reiter im Kaiserdom
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Der Bamberger Reiter oder steinerne Reiter ist eine Steinskulptur aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, vermutlich vor der Weihe des Dom-Neubaus 1237. Sie befindet sich auf einer Konsole am Nordpfeiler des Georgenchors im Bamberger Dom und gehört zu den kulturellen Höhepunkten der späten Stauferzeit.

Neuere Forschungen haben ergeben, dass sie ihren ursprünglichen Standort beibehalten hat und sowohl auf das Doppelgrab des Kaiserpaars Heinrich II. und Kunigunde als auch auf das Fürstenportal bezogen war.

Durch dieses Portal ist der steinerne König hineingeritten und hält, dem Kaiserpaar an jener Stelle, wo deren Grab einst war, huldigend zugewandt, inne.

Durch die Bemalung war der Reiter auffälliger wahrnehmbar, als dies heute sichtbar ist (das Pferd war weiß mit dunklen Flecken)


Die Deutung der Figur, die wahrscheinlich nach 1225 und vor 1237 entstand, ist strittig.

Exemplare derselben Epoche, die mit dem „Reiter“ verglichen werden können, befinden sich auf einem Gerichtsplatz (Magdeburger Reiter), an der Fassade eines Palazzo (Reiterstandbild Oldrado de Tresseno in Mailand) und am Portal einer Kathedrale (St. Martin in Lucca).

 

Die Weißfärbung des Reiters erinnert an Darstellungen des auf einem Schimmel reitenden Christus.

Der Domreiter ist eine im Kirchenraum einhzigartige Erscheinung, was nach Erklärung der Komposition vor Ort fragen lässt.

Der Domreiter wird vielfach als Abbild einer historischen Person angesehen, wobei man sich nicht einig ist, welche. Weil der Reiter gekrönt ist, wird allgemein angenommen, dass ein König dargestellt ist. Damit scheiden jene Deutungsangebote aus, die im Domreiter einen Kaiser sehen wollen.

Die übrigen Hypothesen lassen sich in fünf Rubriken gliedern, wobei die ersten drei historische Vorbilder favorisieren:

Im Domreiter wird

  • der heilig gesprochene König: Stephan I.,
  • der römisch-deutsche König: Philipp von Schwaben, mit und in ihm Konrad III.,
  • die Staufer-Dynastie,
  • eine apokalyptische Figur: der Messias oder
  • ein universale Symbolskulptur gesehen.

 

Hl. Stephan-Theorie
Stephan I., Denkmal in Budapest

Da die Figur in einer Kirche aufgestellt ist und keine Grabfigur sei, solle es sich um einen Heiligen handeln. Der Baldachin über dem Reiter wiese ihn als Heiligen aus. Könige, die Beziehungen zu Bamberg haben und zugleich heilig gesprochen wurden, sind Heinrich II. sowie Stephan I., der mit Heinrich II. verschwägert war, 1083 heilig gesprochen und im Bamberger Dom verehrt wurde.

Heinrich war nicht nur römisch-deutscher König, sondern auch Kaiser des Heiligen Römischen ReichesDeutscher Nation, und wäre als Kaiser dargestellt worden.

Deshalb sei Stephan wahrscheinlicher, wofür die Verwandtschaftsbeziehungen Bischof Ekbert von Andechs-Meranien, in dessen Amtszeit die Skulptur vermutlich aufgestellt wurde, nach Ungarn sprechen.


Es ist belegt, daß Stephan von Ungarn in Bamberg schon sehr früh eine außergewöhnliche liturgische Verehrung genoß. Dies braucht nicht zu verwundern: Bamberg hatte im 13. Jahrhundert große Besitzungen in anderen Teilen Europas, die den Blick der Bevölkerung weit über die Grenzen Frankens lenkten. Von daher erscheint die Darstellung eines Ungarn im Bamberger Dom glaubhaft.

Auch die Legendenbildung stützt die Stephanstheorie. In den Sagen des 12. und 13. Jahrhunderts wird immer wieder die Zartheit Stephans betont. Einer weiteren Legende zufolge soll Stephan sogar bei seinem ersten Bamberg-Besuch – als Heide noch nicht mit den christlichen Gepflogenheiten vertraut – geradewegs in den Dom galoppiert sein: Dies würde das Pferd erklären.

Das Tier könnte übrigens auch als ethnisches Symbol für die Ungarn gesehen werden, die man traditionell mit dem Reitervolk der Hunnen gleichsetzte.


König-Philipp-Theorie
Münze mit dem Abbild des Philipp von Schwaben zu Pferde (1198)

Auf dem Fürstenportal wird auch die antijudaistische Allegorie „Synagoge“ von einem Baldachin überdacht, die gekrönte Gestalt müsse also kein Heiliger sein.

Eine äußerst dramatische Verbindung zu Bamberg weist Philipp von Schwaben auf, der 1208 in Bamberg – unbewaffnet – ermordet wird. Philipp wird zunächst im noch im Umbau befindlichen Dom beigesetzt.

Dessen Neffe, Friedrich II., lässt ihn 1213, gelegentlich seiner ersten Reise als römisch-deutscher König über die Alpen kommend, in den Speyerer Dom umbetten.

Seitdem gäbe es im Bamberger Dom kein sichtbares Gedenken mehr an Philipp und den ersten Mord an einem römisch-deutschen König – wenn nicht durch den Domreiter, der waffenlos zu Pferde thront, in ähnlich friedvoller Manier, wie Philipp ohne Beigabe von Waffen, als einziger und jüngster der acht Söhne – eine Referenz an König David – neben seinen Eltern, Friedrich I. Barbarossa und Beatrix von Burgund, beigesetzt ist.

Die Positionierung des „Reiters“ zwischen Portal und Kaisergrab veranlasst weitere Rückschlüsse. Mit dem Fürstenportal, das in am Weltende Erlöste und Verdammte unterscheidet, und dem „Reiter“ wird die sog. Tor-Liturgie arrangiert, die ihren ursprünglichen Sitz in der Wallfahrt nach Jerusalem hat, im Christentum jedoch am Kirchenjahresanfang (Advent) angesiedelt ist:


Konrad III. mit Ludwig dem Jungen vor Konstantinopel (1146/47)

    Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn,
    wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
    Der reine Hände hat und ein lauteres Herz ...
    Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten;
    denn es kommt der König der Herrlichkeit

Der „Reiter“ verweise auf Philipp von Schwaben als tugendhaftes Königsvorbild.

Sowohl Name (Philipp, gr. für Pferdefreund), der Tod zur Unzeit (der während einer Hochzeit verübte Mord sorgt auf dem Frankfurter Reichstag 1208 für einen Eklat), seine Friedensliebe (er bietet dem 1206 besiegten Widersacher Otto IV. seine Tochter Beatrix von Schwaben zur Vermählung an) sowie die in Bamberg nach Konrad III. sich wiederholende Tragik, dass einem gewählten staufischen König durch unzeitigen Tod die Kaiserkrönung versagt bleibt, sind Umstände, die mit der Außergewöhnlichkeit des Bamberger Reiters korrespondieren.

Der „Reiter“ könne als Memorial für den römisch-deutschen König Philipp von Schwaben verstanden werden, der – anders als Stephan I. – sowohl mit Heinrich und Kunigunde durch den Besitz der Reichskleinodien als auch mit diesen und Konrad III. durch den Ort der Grablege im Bamberger Dom verbunden war.

Staufer-Theorie

Friedrich II. verhandelt 1228 mit Sultan al-Kamil

In Weiterverfolgung der Bedeutung Bambergs für die Staufer Philipp von Schwaben und Konrad III. ergeben sich mit dem Kreuzzug Friedrichs II. 1228/29 zahlreiche Motive für den Auftrag, die Figur eines unbewaffneten Reiterkönig zu fertigen: Der „Reiter“ eignet sich als Denkmal eines neuerworbenen, prestigeträchtigen Königstitels: Friedrich II. fällt im Mai 1228 durch den Tod seiner zweiten Frau, Isabella von Brienne, die Verwaltungshoheit über den Titel „König von Jerusalem“ zu, dessen Krone er sich im Frühjahr 1229 in Jerusalem aufsetzt; das Pferd des Bamberger Reiters wäre als orientalischer Bezug zu verstehen, wie seinerzeit für Marc Aurel, den Bezwinger der Parther; allerdings war dieser Bezug im Mittelalter nicht bekannt, da das Reiterstandbild in Rom fälschlich mit dem ersten Kaiser der Christenheit, Konstantin der Große, identifiziert wurde.

Die Brücke der beiden Standbilder ergäbe sich zwischen den Reitern und Orten.

Bamberg war der Versuch Heinrich II., ein zweites, neues Rom zu errichten; dort, am Erwartungsort für ein Himmlisches Jerusalem, kann Friedrich als letzter und legitimer Endzeit-Herrscher präsentiert werden.

Friedrichs bewaffnete Wallfahrt ist der einzige friedliche Kreuzzug, was ihn sowohl mit dem Gebaren seines Onkels, Philipp von Schwaben, verbindet, in dessen 20. Todesjahr der Kreuzzug fällt, als auch mit Bischof Gunther von Bamberg (†1065), der 1064 die erste bewaffnete Jerusalemfahrt von deutschem Boden aus leitete, und dessen Auftrag an Ezzo, dafür ein „schönes Lied“ zu dichten; Gunther starb auf dem Rückweg in Ungarn.

Ebenso spielt Bamberg für die Heiratspolitik Friedrich II. eine besondere Rolle: Als Elisabeth von Thüringen die Wartburg verlässt, muss sie sich mit ihren drei Kindern 1228 zu ihrem Onkel, Bischof Ekbert, nach Bamberg begeben und widersteht dessen eindringlichen, für den Kaiser stellvertretenden Werben, als 20-jährige Witwe eine Ehe mit Friedrich II., ebenfalls und zum zweiten Mal Witwer, einzugehen. Elisabeth bleibt ihrem Gelübde vom Karfreitag 1228 treu, ihrem Stand abzusagen.

Friedrich, obwohl gebannt, weil er seinem Gelübde aus 1219, Jerusalem zu befreien, nicht nachkommt, schifft sich nun doch, wenn auch kirchenjuristisch zu spät und unerlaubt, bis September 1228 nach Akkon ein, verhandelt mit Sultan al-Kamil und wird von ihm als König von Jerusalem anerkannt. Einer der im Orient erzielten Erfolge lässt sich an der Aufhebung des (wiederholten) Banns 1230/31 ablesen.

Der Bamberger Reiter stünde somit als Symbol nicht einer einzelnen Person, sondern der Staufer-Dynastie und ihrem Machtanspruch schlechthin - bis zur Annullierung des Kaisertitels 1245, was ein neues Verständnis des Domreiters ermöglichte und die seither zahlreichen Hypothesen und aufkommenden Legenden erklärte.




Der Mittelalterhistoriker Hannes Möhring, Privatdozent an der Universität Bayreuth, vertrat 2004 die Auffassung, dass der waffenlose und mit einem Tasselmantel bekleidete gekrönte Reiter den am Ende der Zeiten wiederkehrenden Messias aus der Offenbarung des Johannes darstelle, den König der Könige.

Er habe in den Zeiten der Kreuzzüge die Gläubigen daran erinnern sollen, dass die Feinde des Christentums, vor allem die Muslime, nur durch Gottes Wort wirklich zu besiegen seien.

Universal-Theorie

Teilweise wird in der Skulptur auch eine symbolische Abbildung der gesamten Welt gesehen. Der auf der Konsole rechts unter dem Sockel dargestellte Dämon stellt die Unterwelt dar, darüber kommt die Pflanzenwelt, dann die Tierwelt, sodann der Mensch und darüber veranschaulicht der Baldachin die schwebende Stadt Jerusalem, das Weltall.

Besonderheiten
Bamberger Reiter, 1820

Bei näherer Betrachtung des Pferdes erkennt man, dass es beschlagen ist. Es handelt sich dabei um eine der ersten Darstellungen von Hufeisen überhaupt.

Im Dritten Reich wurde der Bamberger Reiter von den Nationalsozialisten als arisches Symbol zu Propagandazwecken missbraucht.



Der Bamberger Reiter gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen Bambergs. 2003 würdigte ihn die Deutsche Post mit einer Abbildung auf einer Briefmarke der Dauerserie Sehenswürdigkeiten.

In dem 2005 erschienenen Mittelalterroman Die Nacht des steinernen Reiters von Guido Dieckmann wird eine Romanhandlung mit der Entstehung des Reiters verknüpft.

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